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Schneetreiben

Manfred stand am Fenster und sah auf die verschneite Strasse. Es schneite immer noch. Lustig wirbelten die Flocken vor seinem Fenster. Auf der Straße ging eine ausgelassene Gesellschaft an seinem Haus vorbei. Mehrere Erwachsene und drei Kinder. Sie schlitterten, warfen mit Schnellbällen, lachten und schrieen. Traurig sah Manfred ihnen zu. Er dachte an Janet und Jenni. -

Vor neun Jahren hatte er im Urlaub im Harz, Janet kennen gelernt. Janet war ein paar Jahre jünger als er.
Ihre rotbraunen Haare glänzten wie poliertes Kupfer, wenn Sonnenstrahlen auf ihrem Kopf spielten. Sie war groß, ging ihm fast bis zu den Ohren. Er brauchte sich kaum zu bücken, wenn er sie küsste. Sie war anschmiegsam. Tanzte gern und lange. Sprudelte über vor Lebensfreude. Konnte aber auch sehr kratzbürstig sein. Sie tauschten im Urlaub ihre Adressen aus, und schrieben sich fast ein Jahr. Dann kam längere Zeit von ihr keine Post mehr, obwohl er unbeirrt weiter schrieb. Eines Tages rief sie ihn an. Sie sei in der Nähe und wollte ihn sehen.
Er traf sich mit Janet in einer Gaststätte im Nachbarort. Janet sah aus wie das blühende Leben. Sie erzählte pausenlos. Von dem vergangenen Jahr sprach sie nicht. Plötzlich war sie still, schluckte, und brach in Tränen aus.
Sie hatte damals im Urlaub nicht nur seine Bekanntschaft gemacht, sondern auch noch einen anderen Mann kennen gelernt. Einen Draufgänger, der nicht so ruhig und zurückhaltend war wie er. Mit ihm hatte sie sich öfters getroffen. Sogar als sie mit Manfred korrespondierte. Dann bekam sie ein Kind. Ein süßes kleines blondes Mädchen. Der Kerl tauchte ab. Er verschwand schließlich im Ausland, und war unauffindbar. Ihr Kind war jetzt ein Jahr alt. Sie arbeitete wieder, während das Kind bei ihrer Schwester Maria blieb.
Janet tat Manfred leid. Er versuchte sie zu trösten, und merkte, dass er sie nicht vergessen hatte und immer noch liebte. Sie trafen sich damals immer öfter und heirateten schließlich. Die Einwohner nahmen Janet und ihr Kind, wie selbstverständlich in ihre Gemeinschaft auf. Janet war lieb und nett, kein bisschen kratzbürstig. Die Frau im Nachbarhaus kümmerte sich um Jenni, Janets Tochter, während sie beide arbeiteten. Manfred taute immer mehr auf. Sie drei waren viel unterwegs. Alle drei galten im Ort als aufgeschlossen, als gute Gesellschafter. Nach zwei Jahren vergrößerte sich die Familie um einen Jungen. Er war von Anfang an stämmig, hatte einen etwas dunklen Teint, wurde schnell braun. Die Zeit verging. Ein drittes Kind. Es war eine schwere Geburt. Janet musste lange Leiden, bevor der neue Erdenbürger sich entschloss den Widerstand aufzugeben und ans Licht der Welt zu kommen. Es war ein Mädchen. Rote Haare. Bleiche weiße Haut, die nie braun wurde. Aber es war gesund.
Janet kränkelte seit der Geburt, und blieb auf Dauer zu Hause. Manfred verdiente genug. Sie hatten ihr Auskommen. Die Kinder gediehen. Die Familie war nicht mehr soviel unterwegs, und wenn doch, dann nicht mehr zu Fuß, da Janet schnell ermüdete.
Vor drei Jahren erkrankte Janet schwer. Die Ärzte konnten ihr kaum helfen. Als es schien, dass Janet sterben würde, wich Manfred nicht mehr von ihrem Krankenbett. Sein Chef zeigte Verständnis und Manfred blieb auch manche Nacht in Janets Nähe. Und eines Nachts erzählte sie ihm unter Tränen, das die beiden Kinder, die während ihrer Ehe geboren wurden, nicht von Manfred waren.
Janet hatte, als sie zu ihm zog, eine Arbeit an der Uni in der benachbarten großen Stadt gefunden. Dort hatte sie viel Umgang mit ausländischen Studenten. Manfred konnte einfach nicht fassen, was Janet ihm da erzählte.
Er rief die Nachtschwester. Aber die sagte ihm, nachdem sie mit Janet gesprochen und sie neu gebettet hatte, dass Janet kein Fieber habe.
Manfred konnte es doch nicht glauben, das Jastin und Myriam nicht seine Kinder sein sollten. Gut, Jastins Hautfarbe war dunkel, aber doch nicht so dunkel wie bei Schwarzafrikanern. Und Myriam? Myriam wurde zwar nie braun, bekam aber auch nie einen Sonnenbrand, obwohl sie sehr viel in praller Sonne herumtobte.
Nach ihrem Geständnis erholte sich Janet, wie von einer schweren Last befreit.
Sie wurde ganz gesund. Die Ärzte, die nichts von Janets Beichte wussten, standen vor einem Rätsel, welches aber niemand je aufklärte.Vor über einem Jahr, Janet war ganz die alte, junge ausgelassene Frau, machten sie Urlaub in Österreich. 

Bei einer schwierigen Bergtour verliefen sie sich. Janet hatte darauf bestanden, das Jenni, Jastin und Myriam an der Bergtour teilnahmen. Manfred und die Dorfbewohner hatten vergebens versucht, Janet davon abzubringen. Ihre Argumente, dass die Tour für die Kinder viel zu anstrengend sei, tat sie mit dem Hinweis, dass ihre Kinder keine Modepuppen wären, ab. Unterwegs kamen sie in ein ausgedehntes Nebelgebiet. Manfred schlug vor, zusammen zu warten, bis sich der Nebel lichtete und eventuell über Handy Hilfe zu rufen, falls es länger dauern würde. Janet hatte ihn ausgelacht und einen Schlappschwanz genannt. Er blieb kopfschüttelnd mit Jenni an der Hand stehen, denn Jenni fürchtete sich im Nebel. Janet ging mit den kleineren Kindern einfach schimpfend weiter. Als Manfred und Jenni ihnen folgten, waren die drei verschwunden. Sie riefen abwechselnd und zusammen nach Janet und den Kindern. Es kam keine Antwort. Manfred rief über Handy den Bergrettungsdienst. Ein Suchtrupp fand ihn und Jenni in kurzer Zeit. Schließlich fanden sie auch Janet mit Jastin und Myriam.

Janet hatte sich zuerst einen Spaß daraus gemacht, auf das Rufen von Manfred und Jenni nicht zu antworten. Dann wusste sie nicht mehr wo sie waren, und lief einfach talwärts. An einem steilen Abhang angekommen, wusste sie nicht weiter. Myriam und Jastin heulten. Janet schimpfte sie aus. Schimpfwörter wie Feiglinge und Memmen, waren noch die harmlosesten Worte, die sie gebrauchte, erzählte später Jastin. Bei einer unbedachten Bewegung, Myriam saß weinend auf einem Felsblock, rutschte Myriam ab, rollte zur Kante und fiel über die Kante ins Bodenlose. Janet erstarrte. Dann brach sie zusammen. Jastin hatte versucht, seine Schwester festzuhalten, stürzte aber und verletzte sich schwer.

Als die Bergrettung Janet und Jastin fand, war Janet nicht in der Lage, zu erklären, was geschehen war. Man fand dann Myriam. Sie lebte zwar noch, verstarb aber auf dem Transport ins Krankenhaus. Jastin erzählte den ganzen Hergang, während auch er ins Krankenhaus transportiert wurde. Janet stritt alles ab. Ihr Schlappschwanz von Ehemann, der nicht einmal Kinder zeugen könne, habe sie einfach weitergehen lassen. Er sei am Tod von Myriam Schuld.

Jastins Verletzungen waren sehr schwer. Außer einem Knochenbruch hatte er sich noch innere Verletzungen zugezogen, als er Myriam auf dem steilen Abhang hinterher sprang und stürzte, während Janet tatenlos zusah.

Außerdem konnte es Jastin nicht verwinden, das er seine Schwester nicht hatte festhalten können. Er starb drei Monate nach dem Unfall.
Janet war in einem merkwürdigen Zustand nach diesem Urlaub.
Auf der einen Seite, bat sie Manfred und Jenni um Verzeihung für ihr Verhalten am Berg, war anschmiegsam und zärtlich, aber dann grob und unausstehlich.
Es konnte passieren, dass sie in Gesellschaft oder auf einer Party, plötzlich vom Urlaub erzählte und stur der Meinung war, und diese Meinung halsstarrig vertrat, dass alles nur an Manfred gelegen habe. Wenn Manfred nicht so ein Schlappschwanz gewesen wäre, hätten sie den Ausflug gar nicht gemacht, und ihre Kinder, die ja nicht seine wären, würden noch leben. Oder sie verbot Jenni, Manfred mit Papa anzusprechen. Sie schrie dann herum: „Das ist nicht dein Vater, zu dem darfst du nicht Papa sagen! Das ist nur ein Schlappschwanz!“

Bei der Untersuchung der Vorgänge im Urlaub, war ganz eindeutig festgestellt worden, dass Janet die Tour gegen den Willen ihres Mannes und gegen die Vorbehalte der Dorfbewohner durchgesetzt hatte. Einen Führer hatte sie von vornherein abgelehnt, da sie sich für besser hielt als jeden einheimischen Bergführer. Schließlich wurden sie in beiderseitigem Einvernehmen geschieden. Janet kam in psychiatrische Behandlung. Janet bekam das Sorgerecht für Jenni, da Manfred ja nicht Jennis Vater war. Jenni durfte ihn aber ab und zu besuchen.

Das alles ging Manfred durch den Kopf, als er am Fenster stand. Jenni war gerade mit Janets Schwester Maria da gewesen. Janet hatte geschworen, nie wieder das Unglückshaus, wie sie es bezeichnete, von Manfred zu betreten. Maria, Jenni und Manfred hatten ein paar schöne Stunden gehabt. Manfred liebte Jenni von ganzem Herzen, und Jenni ihn. Dass er nicht ihr richtiger Vater war, störte sie nicht. Manfred sprach auch von seinen Kindern, wenn die Sprache auf Jastin und Myriam kam. Er hatte sie nach Janets Beichte nicht spüren lassen, dass sie Kuckuckskinder waren.

Manfred entschloss sich für einen Spaziergang im Schnee. Er wollte die trüben Gedanken vom Wind, der inzwischen aufgekommen war, vertreiben lassen. Als er am Nachbarhaus vorbei kam, verabschiedete sich gerade die Tochter seiner Nachbarin. Er blieb kurz stehen und meinte, sie, die Tochter, könne bei diesem Schneetreiben doch nicht wegfahren. Sie sagte lächelnd, müssen nicht, aber bei Mutter ist es mir zu langweilig. Er half ihr, ihr Auto vom Schnee zu befreien. Als sie losfahren wollte, fanden die Räder keinen rechten Halt. Das Auto rutschte und drehte sich. Manfred öffnete einfach die Beifahrertür, und drehte den Autoschlüssel herum, so dass der Motor ausging. Dann sagte er: „Los aussteigen. Wir gehen ein Stück. Wenn der Schneepflug durch ist, kannst du immer noch fahren.“ Sie kannten sich schon ewig. Als Nachbarskinder hatten sie zusammen gespielt. Und nicht nur gespielt. Sie war sein Schwarm, seine erste Liebe gewesen. Sie waren gleichaltrig, trotzdem hatte sie ihn immer etwas bemuttert. Ihre Gärten grenzten aneinander. Einen Zaun zwischen ihren Grundstücken hatten sie erst gezogen, als Janet eingezogen war.

Sie hatte gerade geheiratet, als er Janet im Harz kennen gelernt hatte. Ihre Ehe war kinderlos geblieben und der Mann vor fünf Jahren gestorben. Sie lebte in der Nachbarstadt, in der Janet gearbeitet hatte. Seit er Janet geheiratet hatte, hatten sie sich kaum gesehen, nie miteinander gesprochen.
Nun gab es sehr viel zu erzählen. Sie merkten gar nicht, wie die Zeit verging. Während des Erzählens, hatte Manfred plötzlich angefangen, sie mit Schneebällen zu attackieren. Sie wehrte sich, und Schneebälle flogen hin und her. Schließlich wälzten sie sich im Schnee herum wie kleine Kinder.
Dann standen sie lachend auf und begaben sich eilig nach Hause. Der Schneepflug war nicht gefahren. Mit dem Auto war kein Durchkommen. Zu ihrer Mutter wollte sie aber auch nicht. Die würde sie nur auslachen und verspotten. Manfred lud sie zu sich ein. „Du brauchst etwas Warmes zu trinken, und musst Dich Umziehen. Sachen zum Anziehen liegen hier genug herum“. „Und warum muss ich mich Anziehen?“ flachste sie. Er schubste sie zur Haustür. „Los, erst einmal rein in die gute Stube“. Im Haus war es nur leicht überschlagen. Sie bibberte. Manfred sagte: „Los duschen“. Sie ging in die Küche und zog sich aus, während Manfred im Bad die Heizung einschaltete und hochfuhr. Sie steckte den Kopf aus der Küche und rief: „Bekomme ich einen Bademantel?“ Er rief scherzend zurück: „Wozu brauchst Du vor dem Duschen einen Bademantel?“ Und er traute seinen Augen nicht, als die Tür richtig aufging, und sie wie Eva im Paradies, an ihm vorbei ins Bad spazierte. Im Bad angekommen, rief sie: „Wo bleibst Du denn, ich dachte Du seifst mir den Rücken ein!“ Irritiert folgte er ihr ins Bad. Sie stand nackt in der Wanne, hatte die Dusche aufgedreht, und bespritzte ihn, als er reinkam. Ohne Scheu zu zeigen, ließ sie sich betrachten. Dann trieb sie ihn an, sie zu waschen. „Du hast mich doch früher oft so gesehen, warum wirst Du denn rot?“ ärgerte sie ihn. Er fasste sich unter ihrem spöttischen Blick, und begann ihren Rücken einzuseifen. Sie fragte:„Sag mal Manfred, warum sprichst Du mich eigentlich nicht mit meinem Namen an?“ Kleinlaut musste Manfred bekennen, dass er sich nicht mehr an ihren Namen erinnern konnte.
Sie konnte sich vor Lachen nicht beherrschen. Stieg aus der Wanne, rannte im Bad herum, trampelte und klatschte in die Hände. Dann schnappte sie ihn, zerrte ihn zur Badewanne und tauchte ihn unter. Prustend kam er wieder hoch. Sie buchstabierte nun ihren Namen, wobei sie ihn bei jedem Buchstaben mit dem Kopf ins Wasser ditschte. Ich bin M-A-R-I-O-N.
Dann tauchte sie ihn tief ein, drehte ihn und er lag plötzlich in der Wanne.
Manfred konnte es nicht fassen, dass ihn so ein Leichtgewicht in die Wanne geworfen hatte. Er kam triefend heraus. Von Marion unterstützt, zog er sich aus. Dann duschte er, Marion seifte ihn gründlich ab, beide trockneten sich ab, und gingen in Bademänteln in sein gemütliches Wohnzimmer.
Plötzlich verschwand Marion, ohne ein Wort zu sagen. Verdutzt blieb Manfred in seinem Sessel sitzen. Nach ein paar Minuten erschien Marion mit einer Flasche Burgunder und Gläsern. Auf seinen fragenden Blick hin meinte sie, die Flaschen liegen immer noch dort, wo sie bei Deiner Mutter auch lagen. Manfred steckte mehrere Kerzen an, und legte ein paar CDs in den Player.
Als Marion auffordernd ihren Bademantel öffnete, konnte Manfred dieser Verlockung nicht widerstehen. Marion flüsterte: „Vergiss einfach ein paar Stunden Deinen Kummer. Es geht alles vorbei. Du musst Abstand gewinnen!“ Manfred ließ sich fallen.
Später schliefen sie eng umschlungen in Manfreds Bett ein. Vorher hatte Marion noch telefoniert. Sie hatte ihrer Chefin gesagt, dass sie morgen später kommen werde, da sie eingeschneit sei. Ihre Chefin hatte geantwortet, mach mal einen Tag frei und schalte ab.
Verwundert wachte Marion am Morgen auf. Ein Wecker hatte nicht geklingelt, aber Manfred war auch nicht da. Sie drehte sich wieder herum, und duselte ein.
Ein Kuss weckte sie richtig. Manfred saß auf der Bettkante, und balancierte ein Tablett mit vielen schönen Frühstückssachen. Sogar Honig, Konfitüre und Orangensaft gab es. Marion bestaunte das Frühstück. „Ich denke Du isst keine Marmelade?“ fragte sie. Nein, tue ich auch nicht, meinte Manfred. „Und wo hast Du dann diese Sachen her?“ Manfred grinste, und sagte: „Ich war bei Deiner Mutter und habe ihr alles erzählt. Von ihr habe ich alles bekommen.“ Marion schluckte. Dann fragte sie: „Und was hat Mutter gesagt?“ „Deine Mutter hat nur gesagt...“ Manfred stockte. Marion drängte ihn. „Los sag schon.“ „Deine Mutter hat gesagt. Nein, das kann ich nicht wiederholen, was sie gesagt hat“. Und dann:„ Sie hat uns zum Mittagbrot eingeladen“. „Ob er nicht arbeiten müsse“, fragte sie ihn. „Nein heute nicht.“ Er habe auch telefoniert.
Mittags gingen sie rüber ins Nachbarhaus. Marions Mutter hatte sich große Mühe gegeben. Als sie sich nach dem Essen bei ihr bedankten, flüsterte ihre Mutter Marion etwas ins Ohr. Während Marions Mutter Manfred zublinzelte, wurde Marion knallrot und boxte ihre Mutter in die Seite.

Am Nachmittag rief Maria an. Sie übermittelte eine überraschende Nachricht. Janet war in eine geschlossene Einrichtung gekommen. Sie hatte in der Nacht versucht, Jenni zu töten, und war selbst nicht mehr ansprechbar.

Jenni gehe es relativ gut. Sie, Maria kümmere sich um Jenni. Aber wenn Manfred wolle, würde sie Jenni zu ihm bringen. Marion hatte mitgehört. Sie sagte sofort: „Das ist ja prima, mit einem Kind kommt wieder Leben in das Haus. Endlich habe ich ein Kind. Ich freue mich auf Jenni. Jenni und ich können uns gut leiden.“
Manfred staunte. „Woher kennst Du denn Jenni?“ „Maria ist meine Arbeitskollegin“, sagte Marion einfach. „Maria holte Jenni oft vom Kindergarten ab, wenn Janet in der Psychiatrie war. Ich habe mich auch schon um Jenni gekümmert, wenn Maria nicht konnte“.

Manfred sagte: „Los wir gehen zu Deiner Mutter und machen sie damit vertraut, dass sie Oma ist, und sich um Jenni kümmern muss, wenn wir arbeiten.“ Marion küsste ihn zärtlich.

Dann fragte sie: „Nimmst Du mich zur Frau?“ 

Manfred grinste und sagte: „Wer nimmt hier wen?“

 

Kurt Meran von Meranien

08.11.2007

*

Die Kartoffel

Ich war da! Zum ersten Mal war ich im Westen. Einmal abgesehen davon, dass ich mir in Lübeck das Begrüßungsgeld geholt hatte.
Staunend besichtigte ich das Grundstück meiner Schwester. Ein riesiger Garten mit einer zweistöckigen Villa, zwei Gartenhäusern und einem Carport. Hier musste Geld sein. Ich hatte eine Woche eingeplant. Von mir aus konnten es auch mehrere Wochen sein. Ich wollte den Westen, das Wohlsein genießen.
Im Erdgeschoss gab es eine große Wohnküche, ein Wohnzimmer, eine schöne, große, gediegen eingerichtete Stube und eine kleine Gästetoilette. In der ersten Etage ein großes Badezimmer mit Dusche und Klo. Das Schlafzimmer meiner Schwester. Das mit Magnettonbändern in Buchhüllen und Computern vollgestopfte Zimmer meines Neffen Klaus. Ein kleines Schlafzimmer und ein Gästezimmer. Das oberste Geschoss bestand aus einem großen ausgebauten Boden. Meine Schwester nannte es Speicher. Hier stand in einer Ecke unter einem Atelierfenster ein Bett. Es gab an den Wänden Schränke. In einer Ecke stand ein großer Tisch umgeben mit Couch, Stühlen und einem Großvatersessel.
Meine Schwester wohnte mit ihrem Enkel allein im Haus. Ihre zweitälteste Tochter Ellen war kurz nach der Geburt von Klaus gestorben. Mein Schwager Ludo war auch schon lange tot. Erinnerungen.

Mir stand der Sinn nach Gegenwart. Ich war die ganze Nacht und den Morgen gefahren und hatte riesigen Hunger. Mein Magen hing in den Kniekehlen, wie man so sagt.
In der Wohnküche war für zwei Personen gedeckt. Klaus war noch auf Arbeit. In der Mitte des Tisches stand eine kleine Schüssel mit Gulasch. Auf einem Tellerchen lagen drei mittelgroße Kartoffeln. Meine Schwester nahm sich eine der Kartoffeln und eine Kelle Gulasch. Ich tat die beiden anderen Kartoffeln auf meinen Teller, schüttete den restlichen Gulasch darüber und wollte essen. Als ich gerade Gabel und Messer in die Hände nahm, machte meine Schwester Sofie ihren Mund auf und fragte wütend: „Was machst Du da?“ „Ich esse.“ „Du kannst Dir doch nicht beide Kartoffeln und den ganzen Gulasch nehmen. Was soll denn Klaus essen?“ „?“ „Eine Kartoffel und ein Teil des Gulasch ist für ihn!“ In der Schüssel waren höchstens drei kleine Kellen Gulasch gewesen. Das bisschen konnte doch nicht das ganze Mittagessen für drei erwachsene Personen sein. Das sagte ich auch. Sofie konnte es immer noch nicht fassen, dass ich das ganze Essen für mich haben wollte. „Du bist wohl ein Vielfraß? Wir essen nicht so viel. Scheinst Dich hier mästen zu wollen. Du hast ja früher als Kind auch schon gefressen wie ein Scheunendrescher!“ Das stimmte gar nicht. Ich wollte mich nicht mästen. Ich verhielt mich beim Essen, wie das Sprichwort sagt: Morgens Essen wie ein Edelmann. Mittags wie ein Bürger. Abends wie ein Bettelmann. Da ich nach meiner Fahrt noch nichts weiter gegessen hatte, war hier das Mittagessen quasi mein Frühstück. Außerdem hatten sie und mein Schwager mir als Kind eingebläut, dass ich viel essen müsse. Als ich damals bei ihnen in ihrer alten Heimat zu Besuch gewesen war, hatten sie immer geunkt, mein Magen hätte eine falsche Lage im Bauch. Ich würde zu wenig essen, weil mein Magen quer liege. Wenn ich richtig essen würde, würde er sich allmählich anpassen.
Noch während Sofie schimpfte war ich fertig. Auf dem Tellerchen lag einsam und verlassen die dritte Kartoffel. Die ich natürlich unangetastet wieder zurückgetan hatte. Vergebens spähte ich nach einem Nachtisch. Es gab keinen. Sie brannte sich eine Zigarette an und ging mit der Bemerkung, ich könne etwas tun, wobei sie auf den Abwasch zeigte, in das Wohnzimmer. Fluchend wusch ich ab. Als ich mich danach in der Stube auf die Ledercouch legen wollte, sagte sie: „Das ist die gute Stube! Die wird nur bei Besuch benutzt!“ Aha. Ich war also nicht zu Besuch hier. Ich suchte „mein“ Zimmer in der ersten Etage auf und legte mich hin. Da mir die Luft hier nicht gefiel, hatte ich vorher das stählerne Rollo hochgezogen und das Fenster weit geöffnet. Ich erwachte durch ein wildes Schütteln. Sofie stand zornbebend vor mir: „Wer hat Dir erlaubt, das Fenster aufzumachen?“ „Keine Angst. Im ersten Stock wird doch keiner Einsteigen.“ Sie schloss das Fenster und knurrte: „Hier werden die Fenster nicht geöffnet. Wenn es unbedingt sein muss, dann wird das Rollo etwas hochgezogen. Die Luft die durch die Ritzen kommt genügt zum Lüften.“ Als ich am späten Nachmittag in die Wohnküche kam, war Klaus da. Er hatte sein Mittagsmahl gerade beendet und schimpfte. „Es sollte doch heute Gulasch geben. In der Schüssel war aber nur ein bisschen Soße!“ Sofie stand am Kühlschrank, eine Zigarette im Mundwinkel und nuschelte: „Kurt, der Vielfraß hat alles aufgegessen!“ Danach belehrte sie mich über das Lüften. „Erstens. Wir heizen mit Gas. Gas ist teuer. Langes Lüften kühlt die Räume aus und wir verbrauchen zu viel Gas. Zweitens. Bei hochgezogenen Rollladen werden die Fenster zu schnell schmutzig. Drittens. Die Leute brauchen nicht zu wissen, dass wir Besuch haben.“ Aha. Ich war also doch ein Besucher. Zynisch ergänzte ich: „Und viertens, wenn die Fenster nie offen sind, wird das Mauerwerk feucht!“ „Klaus hörst Du das? Der schneit hier rein. Hat den großen Rand und bringt uns um unser Geld!“ „Ich kann ja wieder wegfahren, wenn Euch mein Besuch nicht passt!“ Damit ging ich raus und sah mir den Garten an. Die Gartenhäuschen waren massiv. Die Fenster wohl ewig nicht mehr geöffnet worden. Die Obstbäume hatte niemand verschnitten. Im Carport war eine Wäscheleine gespannt.
Am Abend kam Benno, der Sohn meiner Schwester. Ich war gespannt. Als Kinder hatten wir das Städtchen unsicher gemacht. Die Kleinstädter sehnten jedes Jahr den Tag herbei, an dem der „Leibzscher Lausejunge“ wieder wegfahren würde. Seit meinem letzten Besuch waren viele Jahre vergangen. Meine Schwester war aus der kleinen thüringischen Stadt ins Ruhrgebiet gezogen und nach weiteren Umzügen im Herzogtum Jülich gelandet. Benno arbeitete als Forschungsingenieur in der Kernkraft. Wie würde er reagieren?
Benno benahm sich fast wie erwartet. Anstatt mich zu umarmen, sagte er: „Bissde aus der Ostzone gegomm, willsde Dich mal saddfresse? Nimm Dich zusammen. Mudder hadd schon gesacht, dass Du unser Geld zum Fensder rausschmeisd!“ Na, dachte ich, der Empfang ist ja toll. Das wird ein richtiger toller Urlaub!

Nachdem ich am nächsten Morgen kräftig gefrühstückt hatte, es gab zwei dünne Schnitten mit Margarine, fuhr ich mit dem Bus in die Stadt und kaufte für mich Proviant ein. Beschriftete die Tüten und Dosen und lagerte sie im Küchenschrank und im Kühlschrank ein. Es wunderte mich sehr, dass ich im Erdgeschoss allein war. Später erfuhr ich, dass Sofie außer freitags nie vor zwölf aufstand. Um meine Vorräte nicht schon heute anzureisen, suchte ich eine Gaststätte. Fand aber in der näheren Umgebung nichts. Das Grundstück gehörte zu einer Siedlung in der hauptsächlich Beschäftigte der Kernforschung wohnten. Der Weg in die Stadt zog sich. Eine gute Stunde hatte ich zu laufen. Busse fuhren nur morgens und abends.

Als ich am Nachmittag zurückkam, schnauzte mich meine Schwester an: „Wo hast Du Dich herumgetrieben? Du kannst doch nicht einfach herumlaufen, wie Du willst!“ „Moment. Ich bin alt genug, um selbst zu entscheiden, was ich mache!“ „Du hast zum Mittagessen da zu sein!“ „Was gibt es denn?“ „Pasta.“ Ich hatte keine Ahnung, was Pasta war, und sah neugierig in einen der beiden kleinen Töpfe. Spaghetti. Im anderen, noch kleineren Topf war so etwas Ähnliches wie Tomatensoße. Beides wurde im Wasserbad angewärmt und natürlich war es für drei Personen gedacht. Mir fielen drei Spaghettis und ein Teelöffel Tomatensoße zu, die ich mit Genuss verzehrte. Nach diesem köstlichen Mahl, Nachspeise gab es wieder nicht, verkündete ich, dass ich am nächsten Tag kochen würde.

Nach einem Verdauungsspaziergang unterhielt ich mich mit Sofie. Sie erzählte mir, dass Benno in der Stadt allein leben würde. Nach einer unglücklichen Liebe hätte er nie wieder ein anderes Mädchen angesehen. Er sei sehr großzügig, obwohl er nicht viel verdienen würde. Er würde nur ausgenutzt. Freitags würde er sie zum Einkaufen in die Stadt fahren. „Einmal in der Woche besucht er seine alte Mutter und bringt ihr immer etwas mit“, erzählte sie stolz. Was er mitbrachte, hatte ich schon gesehen. Ein Berg Hemden und andere Sachen lagen in der Waschküche. Im Keller auf Entdeckungstour hatte ich ein komfortabel eingerichtetes Wannenbad, eine moderne Waschküche und jede Menge Vorräte entdeckt. In einem Wandregal lagerte weniger Schönes. Viele Gläser mit „eingemachtem“ Obst. Außer dem Obst war in den meisten Gläsern eine dicke Schimmelschicht. Sollte es wirklich einmal Kompott geben, würde ich großzügig verzichten.

Der nächste Tag war ein Freitag. Als ich gegen sechs im Obergeschoss im Bad war, bewegte sich plötzlich die Türklinke und dann wummerte es an die Türe. Sofie brüllte: „Sofort Aufmachen ich muss ins Bad!“ Ich öffnete die Tür. Meine Schwester schoss herein und schimpfte: „Heute ist Freitag. Benno fährt mich in die Stadt zum Einkaufen. Wenn er kommt, muss ich fertig sein. Also raus hier!“ Ich schnappte meine Sachen und ging ins Gästezimmer. Zog mich an und begab mich zum Frühstück in die Wohnküche. Kurze Zeit später erschien Sofie völlig angezogen. Ich frühstückte in aller Ruhe weiter. Sie roch an meinem Zeug, schüttelte ihren Kopf und machte sich selbst etwas. Was gibt es da mit dem Kopf zu schütteln, dachte ich. Das waren Meeresfrüchte in Öl. Lecker. Ich sah zur Uhr. „Wann kommt Benno?“ „Gleich!“ Ich verlangte einen großen Topf, eine große Schüssel und Zutaten für mein Essen. Kartoffeln waren da. Vieles andere nicht. Also musste ich in die Stadt fahren. „Wann kommt Benno genau?“ „In seiner Mittagspause um zwölf.“ Jetzt war es halb acht. So ein Blödsinn. „Ich gehe in die Stadt.“ „Du brauchst nicht zu laufen. In ein paar Minuten kommt ein Werkbus. Stell Dich an die Haltestelle. Der nimmt Dich mit!“ Toll. Ich hatte Glück und der Busfahrer nahm mich hin und her mit. Als ich zurückkam, war meine Schwester immer noch da. Unbeeindruckt begann ich, zu kochen. „Wo sind die Kartoffeln?“ „Im Keller.“ Merkwürdig. Bei meiner Entdeckertour hatte ich keine gesehen. Sie ging los und brachte mir drei Kartoffeln. „Unsinn. Ich brauche einen Topf voll:“ Sie ging knurrend und brachte aus ihrem Geheimgelass eine Handvoll Kartoffeln. Nun wurde es mir zu bunt. Ich war ihr ein Stück gefolgt und ahnte, wo das Versteck war. Im Gespräch erfuhr ich, dass sie keine Zwiebeln aß. Speisen mit Zwiebelsalz gewürzt würde sie aber Essen. Um beim Arbeiten nicht gestört zu werden, überredete ich sie, im Vorgarten in der Sonne sitzend auf Benno zu warten. Als sie nach eins eintraf, war das Essen fertig.

Ich hatte eine große und eine kleine Schüssel Kartoffelsalat gemacht. Dazu gab es wahlweise Hering oder Spiegelei. In der kleinen Schüssel war speziell für sie Salat ohne Zwiebeln.
Wir aßen uns richtig satt. Was hatte sie am ersten Tag gesagt: Wir essen nicht so viel? Ihre Schüssel war schnell leer. Der Salat in der großen Schüssel reichte noch fürs Abendbrot und es blieb auch noch fürs nächste Frühstück reichlich übrig. Dachte ich. Als ich am nächsten Morgen in den Kühlschrank sah, war kein Salat mehr zu entdecken. Klaus sagte mir am Nachmittag: „Ich bin in der Nacht aufgestanden und habe den Rest gegessen. Endlich konnte ich mich einmal richtig satt essen!“
Abends gab es dann einen Mehrheitsbeschluss: Onkel Kurt kocht!

Kurt Meran von Meranien 2001

 

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