Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

 Ein Neuerervorschlag (Betriebliches Vorschlagwesen)

Als ich den Bahnhof Pi leitete, war der Gruppenleiter Betrieb für das betriebliche Vorschlagwesen auf dem Bahnhof verantwortlich. Diese Sonderaufgabe wurde mit einem Bonus honoriert. Als Chef des Ganzen bekam ich ebenfalls einen Bonus. Ging kein Neuerervorschlag ein, wurde mir der Bonus nicht gewährt. Daraufhin veranlasste ich, dass der Gruppenleiter seinen Bonus auch nicht bekam. ER setzte sich sofort mit der übergeordneten Parteileitung in Verbindung, und ich wurde einbestellt. Der Politleiter des Reichbahnamtes wies mir in einem einstündigen Monolog nach, dass ich gründlich versagt hatte. Ich hätte meinen Stellvertreter im Leitungsgespräch und die Beschäftigten im Dienstunterricht und anderen Gelegenheiten, wie Dienstpostenkontrollen ungenügend oder gar nicht angeleitet. Außerdem hätte ich mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Für mein Unvermögen könne ich nicht meinen Stellvertreter verantwortlich machen und ihn bestrafen!

Mit dem Neuererwesen bei der DR hatte ich in fast dreißig Dienstjahren genug Erfahrung gesammelt. Zu Verbessern und Erneuern gab es ja genug. Aber erstens sollten die Vorschläge überwiegend von den Parteigenossen kommen. Zweitens fundiert sein. Drittens schnell und kostengünstig umgesetzt werden können. Viertens nachhaltig sein.
Von den Genossen kam kaum etwas. Bezogen sich die Vorschläge auf technische Anlagen, wurden sie von den technischen Dienststellen meist abgelehnt. Vor allem die Signal- und Fernmeldemeistereien hatten da einen stets funktionierenden Trick! Der Vorschlag wurde mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt und auf Eis gelegt. Wenn die Schutzfrist abgelaufen war, reichten sie den Vorschlag neu ein, setzten ihn selbst um und kassierten die Prämien! Eine negative Begründung lautete (sinngemäß): Dieser Vorschlag ist im Grunde eine bahnbrechende Neuerung zur Arbeitserleichterung und erhöhten Sicherung des Bahnverkehrs! Zurzeit ist der Vorschlag allerdings Utopie! Die Kosten sind zu hoch und er ist mit den gegenwärtigen technischen Mitteln und fehlendem Personal nicht umsetzbar!

Nach etwa einem Dutzend nicht angenommener Vorschläge und den dauernden Ermahnungen, keine utopischen, sondern umsetzbare Vorschläge einzureichen, hatte ich die Nase voll.
Auf meinem „Mutterbahnhof“ tat ich betreffend des Neuererwesen keinen Mucks mehr. Als „sozialistischer Leiter“ musste ich wieder „ran“! Auf dem Bahnhof Sd war ein einziger Fahrdienstleiter aktiver Genosse. Er war mehrfach qualifiziert. Wendete seine Kenntnisse aber meist in ungünstigen Situationen an, so dass mehr Schaden, als Nutzen entstand. Nichtsdestotrotz, war er der einzige Kader an den ich mich halten konnte, um meine Position als Leiter zu halten und bezüglich des Neuererwesen nicht ständig kritisiert zu werden: „Sie haben doch schon so viel im Neuererwesen getan! Warum kommt jetzt nichts.“ Und ich konnte die drei Genossen des Bahnhofs ansprechen wie ich wollte, es kam nichts. Sie hätten gern die entsprechenden Prämien bekommen. Aber dass sie dafür etwas tun sollten? Nein das wollten sie nicht! „Vorsteher, mach Dir Gedanken. Die Prämie nehmen wir dann gern entgegen!“

Also dachte ich mir etwas aus! Etwas Bahnbrechendes! Arbeitete es bis ins kleinste Detail aus. Als ich mir selbst alles FÜR und WIDER durchdacht hatte, sprach in den Genossen an. Er war sehr erfreut. Seine Freude sank auf den NULLPUNKT, als er den Vorschlag abschreiben sollte! Vorschläge der Beschäftigten sollten handschriftlich eingereicht werden.
Nach ewigen hin und her, wurde der Vorschlag beim Reichsbahnamt eingereicht. Es kam zur Verteidigung. Jeder Vorschlag, der die Vorprüfung durch das Reichsbahnamt überstanden hatte, musste verteidigt werden. Trotz aller Vorbereitungen, stammelte der Genosse nur herum, wie mir später erzählt wurde. „Leider“ war ich dienstlich verhindert, an der Verteidigung teilzunehmen.

Der Vorschlag wurde nicht nur angenommen, sondern durchlief alle Institutionen, die ihn anschließend begutachten mussten mit Erfolg. Der Erfolg hatte seinen Preis! Alle Institutionen die an der Prüfung und Vorbereitung zur Umsetzung beteiligt waren, wollten ein Stück vom Kuchen abhaben! Ich bekam gar nichts, denn ich hatte ja nur pflichtgemäß meine Beschäftigten angeleitet. Der Einreicher bekam seine Anerkennungsprämie, die sich in Grenzen hielt. Die wirkliche Prämie sollte nach der Umsetzung des Vorschlages und Einführung der neuen Methode gezahlt werden! Ich stieg aus, nachdem ich festgestellt haatte, dass der Leiter der Gruppe Betrieb des großen Nachbarbahnhofes und sich die großkopferten der beiden Reichsbahnämter eingebracht hatten. Ob der Vorschlag wirklich realisiert wurde, habe ich nie erfahren!
Da lief schon das zweite Großprojekt: Der Flughafenausbau. Ich hatte dabei darauf geachtet, dass meine Beschäftigten nicht zu kurz kamen und bekam viel später auch eine Prämie!

Da war ich aber schon auf dem nächsten Bahnhof! Nachdem mich der Politleiter so nett und nachdrücklich belehrt hatte, schaltete ich auf stur und überlies Anleitung und Bonus meinem Stellvertreter. Steckte alle Prügel wohlwollend ein und muckste mich nicht.
Nichts bleibt verborgen!
Das merkte ich, als der Amtsvorstand nach einer Schulung zurückkam und die Erkenntnisse in der Leiterberatung auswertete. Anschließend bat er mich zu einem Gespräch, das wieder einmal sehr einseitig verlief!

Wie es sich herausstellte, hatten meine beiden vormaligen Amtsvorstände nach mir gefragt.
Ob die Sache mit dem FDJ-Lehrjahr mit zur Sprache gekommen war, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Politleiter hatte den Vorschlag gemacht, dass ich die Schulung der Mitglieder der FDJ übernehmen sollte. Meinen Einwand, dass ich kein Genosse sei, überging er mit der Bemerkung, dass ich aber sozialistischer Leiter wäre. In der nächsten FDJ-Versammlung hatte ich dann den Parteiinstrukteur gefragt, ob der Vorsitzende des Staatsrates in der Kirche sei und meine Frage begründet. Damit war die Übernahme der Schulung der FDJ-Mitglieder vom Tisch!

Bei einer der obligatorischen Leiterberatungen oder auch Leiterschulungen durch den Amtsvorstand, fiel ich dann wirklich in Ungnade. Als unfreiwilliger Sprecher der Leiter der Bahnhöfe, war ich ein wenig zu forsch gewesen und der Amtsvorstand fuhr eine Retourkutsche bezüglich der Dienstausübung des Befehlsstellwerkes. Er hätte einen Verstoß des diensthabenden Fahrdienstleiters an einem bestimmten Tag erkannt. Ich wusste um was es ging und riet ihm, sich eine Fernbrille zuzulegen. Die dreißig Leiter der Bahnhöfe quittierten meine Antwort mit lautem Johlen und ICH bekam dafür später …

Kurt Meran von Meranien 03.09.2017

 

*

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?