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Geplant – Fest zu 40 Jahre DDR – verplant
Anfang 1989 rief mich der erste Sekretär der Stadtleitung der FDJ an. Ich war erstaunt. Kannte ihn gar nicht. Was wollte denn der? Der Hammer kam, im Gespräch! Er teilte mir mit, dass in Vorbereitung des 40. Jahrestages der DDR Großeinsätze der städtischen FDJ- Mitglieder geplant seien. „Zu Ihrem Bahnhof werden 60 FDJ’ler delegiert, die in der Produktion einzusetzen sind. Teilen sie uns bitte mit, in welcher Tätigkeit das sein wird!“ Ich schluckte. Etwas zu sagen war ich unfähig! In der Produktion einsetzen! Welche Produktion? Auf einem Güterbahnhof werden Güterzüge "produziert"! Es werden eingehende Güterzüge zerlegt und neue Züge gebildet und abgefertigt. Waren werden nicht produziert. Um am Wettbewerb teilnehmen zu können, wird auf Güterbahnhöfen die Auflösung – Zerlegung – eingehender Güterzüge und Neubildung - und die Bereitstellung der Wagen zur Be- und Entladung gewertet.
Für diese Arbeiten: Stellwerksdienst, Rangierdienst, Wagendienst, Güterbodendienst, Güterabfertigung, Fahrkartenausgabe usw. ist spezielle, teilweise langjährige Ausbildung notwendig!
Ich verständigte die Funktionäre der Gewerkschaft, SED und FDJ des Bahnhofs. Alle zuckten mit den Schultern und meinten, na da organisiere einmal – DU bist der Leiter! Da gab es nichts zu organisieren. Ich konnte Helfer für die Unkrautbeseitigung in den Gleisanlagen gebrauchen – ABER, setzte ich in den Gleisanlagen Leute ein, brauchte ich Sicherheitsposten und die mussten speziell ausgebildet sein!
Auf dem Bahnhof gab es natürlich auch Jugendliche, die meist in der FDJ organisiert waren. SED-Mitglieder hatten wir, inkl. des Sekretärs nur ein halbes Dutzend und die waren nur während ihrer Arbeitszeit gesellschaftlich aktiv.

Ich rief bei der FDJ-Stadtleitung an und begab mich sogar in die Höhle des Löwen – das Stadtbüro, um die Lage darzulegen. Die Funktionäre der Stadtleitung waren uneinsichtig! Die Planung war abgeschlossen – fertig! Gleich nach dem Anruf des Sekretärs der FDJ-Stadtleitung hatte ich die FDJ-Leitung des Reichsbahnamtes angerufen. Da angeblich niemand von dem Einsatz wusste, bekam ich keine Unterstützung.
 
Völlig alleingelassen versuchte ich den Einsatz von 60 Jugendlichen vorzubereiten. Dazu brauchte ich Verpflegung, Werkzeug, Arbeitskleidung, Sicherheitsposten und natürlich Einsatzpläne. Ein Tauziehen begann. Mit steigendem Unwillen hatten mir die Stadtfunktionäre der FDJ in einem schließlich doch stattfindenden Gespräch zugehört. Dass der Einsatz kostenintensiv werden würde und der Bahnhof dafür kein Geld hatte wollte ihnen nicht in die Köpfe. Immer wieder kam die unsinnige Meinung: „Sie brauchen doch nur die Jugendlichen in ihrer Produktionshalle arbeiten zu lassen!“ „Das ist ein Bahnhof und kein Werk! Wir haben keine Produktionshalle! Wir können die Jugendlichen als Gruppen nur in den Gleisen zur Unkrautbekämpfung einsetzen und sonst nicht!“ „Sie sind kein Genosse, wollen nicht verstehen, um was es uns geht und sabotieren unsere Arbeit! Wir werden entsprechende Schritte einleiten!“ Die zwei gleichfalls anwesenden Vertreter des Reichsbahnamtes – Polit- und Gewerkschaftsleitung – sagten überhaupt nichts. Ich stand auf und ging. Während der kommenden Tage wurden ich zu vielen Gesprächen eingeladen. Reichsbahndirektion, Reichsbahnamt, Oberbürgermeister, Parteileitung, Gewerkschaftsleitung und FDJ-Leitung des Bahnhofes nahmen mich langsam und sicher auseinander.

Der 40. Jahrestag der Gründung der DDR stand bevor. Alle Schlagersänger bejubelten die Republik. Es würde ein grandioses Fest geben und nur „mein“ Bahnhof – ICH – spielte den Außenseiter! Der ganze Bezirk war entsetzt!
Völlig alleingelassen, war es mir gelungen, Werkzeug und Arbeitskleidung für ein Dutzend Arbeiter aufzutreiben. Drei speziell ausgebildete Eisenbahner konnten als Sicherungsposten und Aufsichtsposten gestellt werden.
Die Vorgesetzten und die FDJ-Stadtleitungsfunktionäre waren entsetzt! Ich sah meinem unrühmlichen Abschied entgegen. Meine Lebensabschnittgefährtin, organisiert in der SED, der DFD und tätig als Kaderleiterin quartierte mich aus dem Schlafzimmer aus!

Eines montagsmorgen klingelte mein Diensttelefon. Die Stadtleitung der FDJ. „Guten Morgen Genosse Reichsbahnrat, wir können Ihnen leider nicht die von Ihnen geforderten 60 Jugendlichen zum Einsatz zur Verfügung stellen!" Und nach einer kurzen Pause: „Bitte sind Sie uns nicht böse, es werden nur etwa 50 Jugendliche kommen können!“ Damit wurde das Gespräch beendet. Ich wusste nicht, was ich denken und sagen konnte. Mehrmals versuchte ich zurückzurufen. Der Apparat, alle Apparate waren ständig besetzt. Als ich schließlich eine Woche später eine Verbindung bekam, sagte eine freundliche Frauenstimme: „Lieber Herr Rat, alles monieren nützt nicht, wir können Ihnen leider nur zwei-, drei Dutzend Jugendliche schicken!“

So ging es weiter. Schließlich wurden mir, ohne mich überhaupt anzuhören, drei Dutzend Leute verbindlich zugesagt. Das war zu schaffen.
Am Einsatztag arbeiteten der FDJ-Sekretär mit drei unserer Jugendlichen und mir auf den Bahnsteigen eines unserer unterstellten Bahnhöfe. Mein Stellvertreter auf einem unterstellten Haltepunkt mit unserem Bahnhofsarbeiter und zwei unserer jungen Facharbeiter und beseitigten Unkraut.

Von den verbindlich zugesagten Jugendlichen kam nur ein junger Mann. Er erklärte sofort, dass er eigentlich keine Zeit hatte, aber spaßeshalber mal gucken käme. Von diesem Bahnhof hätte er nie etwas gehört. Der Aufsichtsbeamte berichtete später, dass dieser Delegierte nach eingehender Besichtigung der Bahnsteige, kräftig gefrühstückt hatte und mit dem nächsten Personenzug weggefahren wäre, nachdem seine Anwesenheit dokumentiert war.

In der Zeitung erfuhr ich später detailliert, wie der Großeinsatz der Jugend zu Ehren des Jubiläums in der Kreisstadt gelaufen war. Die Jugend hatte mit hohem persönlichen Einsatz gezeigt, dass sie auch arbeiten und …
Ich wurde in dem Bericht auch erwähnt. Hervorgehoben wurde, dass der Leiter der Dienststelle sich nach anfänglicher Skepsis, aktiv für die Durchführung spezieller Aufgaben eingesetzt und ständig Kontakt zur Stadtleitung der FDJ gehalten habe! In der monatlich stattfindenden Arbeitsberatung aller Bahnhofsvorsteher des Amtsbezirkes wurde der Einsatz ebenfalls ausgewertet. Der anwesende Vertreter der FDJ-Stadtleitung und ein leitender Funktionär der SED-Kreisleitung hoben die Einsatzbereitschaft der Leitung und der Beschäftigten des Bahnhofes lobend hervor. Der Parteifunktionär lobte meine Bereitschaft vor allem, da ich kein Genosse war. Der Stadtbahnhof wurde nur am Rande erwähnt. ER wunderte sich, dass ich nur den Vorstadtbahnhof leitete und nicht den Stadtbahnhof. Bei meiner gezeigten Einsatzbereitschaft wäre ein bedeutenderer Bahnhof bestimmt angemessen. Der Vorsteher des Stadtbahnhofes war verhindert und sein Stellvertreter sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

Kurt Meran von Meranien 10.02.2018

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 Ein Neuerervorschlag (Betriebliches Vorschlagwesen)

Als ich den Bahnhof Pi leitete, war der Gruppenleiter Betrieb für das betriebliche Vorschlagwesen auf dem Bahnhof verantwortlich. Diese Sonderaufgabe wurde mit einem Bonus honoriert. Als Chef des Ganzen bekam ich ebenfalls einen Bonus. Ging kein Neuerervorschlag ein, wurde mir der Bonus nicht gewährt. Daraufhin veranlasste ich, dass der Gruppenleiter seinen Bonus auch nicht bekam. ER setzte sich sofort mit der übergeordneten Parteileitung in Verbindung, und ich wurde einbestellt. Der Politleiter des Reichbahnamtes wies mir in einem einstündigen Monolog nach, dass ich gründlich versagt hatte. Ich hätte meinen Stellvertreter im Leitungsgespräch und die Beschäftigten im Dienstunterricht und anderen Gelegenheiten, wie Dienstpostenkontrollen ungenügend oder gar nicht angeleitet. Außerdem hätte ich mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Für mein Unvermögen könne ich nicht meinen Stellvertreter verantwortlich machen und ihn bestrafen!

Mit dem Neuererwesen bei der DR hatte ich in fast dreißig Dienstjahren genug Erfahrung gesammelt. Zu Verbessern und Erneuern gab es ja genug. Aber erstens sollten die Vorschläge überwiegend von den Parteigenossen kommen. Zweitens fundiert sein. Drittens schnell und kostengünstig umgesetzt werden können. Viertens nachhaltig sein.
Von den Genossen kam kaum etwas. Bezogen sich die Vorschläge auf technische Anlagen, wurden sie von den technischen Dienststellen meist abgelehnt. Vor allem die Signal- und Fernmeldemeistereien hatten da einen stets funktionierenden Trick! Der Vorschlag wurde mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt und auf Eis gelegt. Wenn die Schutzfrist abgelaufen war, reichten sie den Vorschlag neu ein, setzten ihn selbst um und kassierten die Prämien! Eine negative Begründung lautete (sinngemäß): Dieser Vorschlag ist im Grunde eine bahnbrechende Neuerung zur Arbeitserleichterung und erhöhten Sicherung des Bahnverkehrs! Zurzeit ist der Vorschlag allerdings Utopie! Die Kosten sind zu hoch und er ist mit den gegenwärtigen technischen Mitteln und fehlendem Personal nicht umsetzbar!

Nach etwa einem Dutzend nicht angenommener Vorschläge und den dauernden Ermahnungen, keine utopischen, sondern umsetzbare Vorschläge einzureichen, hatte ich die Nase voll.
Auf meinem „Mutterbahnhof“ tat ich betreffend des Neuererwesen keinen Mucks mehr. Als „sozialistischer Leiter“ musste ich wieder „ran“! Auf dem Bahnhof Sd war ein einziger Fahrdienstleiter aktiver Genosse. Er war mehrfach qualifiziert. Wendete seine Kenntnisse aber meist in ungünstigen Situationen an, so dass mehr Schaden, als Nutzen entstand. Nichtsdestotrotz, war er der einzige Kader an den ich mich halten konnte, um meine Position als Leiter zu halten und bezüglich des Neuererwesen nicht ständig kritisiert zu werden: „Sie haben doch schon so viel im Neuererwesen getan! Warum kommt jetzt nichts.“ Und ich konnte die drei Genossen des Bahnhofs ansprechen wie ich wollte, es kam nichts. Sie hätten gern die entsprechenden Prämien bekommen. Aber dass sie dafür etwas tun sollten? Nein das wollten sie nicht! „Vorsteher, mach Dir Gedanken. Die Prämie nehmen wir dann gern entgegen!“

Also dachte ich mir etwas aus! Etwas Bahnbrechendes! Arbeitete es bis ins kleinste Detail aus. Als ich mir selbst alles FÜR und WIDER durchdacht hatte, sprach in den Genossen an. Er war sehr erfreut. Seine Freude sank auf den NULLPUNKT, als er den Vorschlag abschreiben sollte! Vorschläge der Beschäftigten sollten handschriftlich eingereicht werden.
Nach ewigen hin und her, wurde der Vorschlag beim Reichsbahnamt eingereicht. Es kam zur Verteidigung. Jeder Vorschlag, der die Vorprüfung durch das Reichsbahnamt überstanden hatte, musste verteidigt werden. Trotz aller Vorbereitungen, stammelte der Genosse nur herum, wie mir später erzählt wurde. „Leider“ war ich dienstlich verhindert, an der Verteidigung teilzunehmen.

Der Vorschlag wurde nicht nur angenommen, sondern durchlief alle Institutionen, die ihn anschließend begutachten mussten mit Erfolg. Der Erfolg hatte seinen Preis! Alle Institutionen die an der Prüfung und Vorbereitung zur Umsetzung beteiligt waren, wollten ein Stück vom Kuchen abhaben! Ich bekam gar nichts, denn ich hatte ja nur pflichtgemäß meine Beschäftigten angeleitet. Der Einreicher bekam seine Anerkennungsprämie, die sich in Grenzen hielt. Die wirkliche Prämie sollte nach der Umsetzung des Vorschlages und Einführung der neuen Methode gezahlt werden! Ich stieg aus, nachdem ich festgestellt haatte, dass der Leiter der Gruppe Betrieb des großen Nachbarbahnhofes und sich die großkopferten der beiden Reichsbahnämter eingebracht hatten. Ob der Vorschlag wirklich realisiert wurde, habe ich nie erfahren!
Da lief schon das zweite Großprojekt: Der Flughafenausbau. Ich hatte dabei darauf geachtet, dass meine Beschäftigten nicht zu kurz kamen und bekam viel später auch eine Prämie!

Da war ich aber schon auf dem nächsten Bahnhof! Nachdem mich der Politleiter so nett und nachdrücklich belehrt hatte, schaltete ich auf stur und überlies Anleitung und Bonus meinem Stellvertreter. Steckte alle Prügel wohlwollend ein und muckste mich nicht.
Nichts bleibt verborgen!
Das merkte ich, als der Amtsvorstand nach einer Schulung zurückkam und die Erkenntnisse in der Leiterberatung auswertete. Anschließend bat er mich zu einem Gespräch, das wieder einmal sehr einseitig verlief!

Wie es sich herausstellte, hatten meine beiden vormaligen Amtsvorstände nach mir gefragt.
Ob die Sache mit dem FDJ-Lehrjahr mit zur Sprache gekommen war, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Politleiter hatte den Vorschlag gemacht, dass ich die Schulung der Mitglieder der FDJ übernehmen sollte. Meinen Einwand, dass ich kein Genosse sei, überging er mit der Bemerkung, dass ich aber sozialistischer Leiter wäre. In der nächsten FDJ-Versammlung hatte ich dann den Parteiinstrukteur gefragt, ob der Vorsitzende des Staatsrates in der Kirche sei und meine Frage begründet. Damit war die Übernahme der Schulung der FDJ-Mitglieder vom Tisch!

Bei einer der obligatorischen Leiterberatungen oder auch Leiterschulungen durch den Amtsvorstand, fiel ich dann wirklich in Ungnade. Als unfreiwilliger Sprecher der Leiter der Bahnhöfe, war ich ein wenig zu forsch gewesen und der Amtsvorstand fuhr eine Retourkutsche bezüglich der Dienstausübung des Befehlsstellwerkes. Er hätte einen Verstoß des diensthabenden Fahrdienstleiters an einem bestimmten Tag erkannt. Ich wusste um was es ging und riet ihm, sich eine Fernbrille zuzulegen. Die dreißig Leiter der Bahnhöfe quittierten meine Antwort mit lautem Johlen und ICH bekam dafür später …

Kurt Meran von Meranien 03.09.2017

 

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